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  • AutorenbildEveline

Über Freiheit

In einem meiner Instagramposts dieses Jahr hatte ich darüber geschrieben, wie satt ich es habe als Mutter ständig um etwas bitten zu müssen. Viele haben das sofort auf meinen Partner und meine Beziehung bezogen (und ja, manchmal ist auch genau das ein Aspekt, der mich stört).

Aber eigentlich ist das Problem wesentlich vielschichtiger. Denn ich bitte nicht nur meinen Partner um Auszeiten. Ich bitte befreundete Mütter aus der Kita, ob sie mein Kind mal einen Nachmittag mitnehmen können, ich bitte die Großeltern auszuhelfen, ich bitte mein Kind um Ruhe, um Geduld, um Rücksichtnahme.

Das Problem des "Bitten müssens" ist so viel mehr als das abgedroschene Klischee des „bösen, patriarchalen Manns“ der die Geburt des Kindes ausnutzt um die Partnerschaft ins Ungleichgewicht kippen zu lassen und endlich nichts mehr tun zu müssen.


Das was hinter der Notwendigkeit steht plötzlich um etwas bitten zu müssen was vorher selbstverständlich war, ist zunächst mal schlicht und ergreifend eines: Der Verlust von persönlicher Freiheit und Flexibilität.

Und die ist als Eltern zunächst allumfassend und betrifft zu einem gewissen individuellen Grad in halbwegs gleichberechtigten, funktionierenden Beziehungen immer BEIDE Elternteile. Denn da kommt ein neuer Mensch und wirbelt die entstandene individuelle Paardynamik gehörig durcheinander. Egal ob 50/50, 70/30 oder wie auch immer die Aufteilung von Aufgaben vorher war: Mit der Geburt eines Kindes findet eine massive Änderung statt.

Eine Änderung, die man im besten Fall vorher besprochen hat, die sich aber nie ganz erfassen und begreifen lässt bis sie eben DA ist. Eine Veränderung die Rituale, Abläufe und ausgehandelte Verteilungen mit einem Schlag vom Tisch wischt und im Regelfall erzwingt sie neu zu verteilen.

Und genau da kommt dann das öffentlich vorherrschende Bild der Mutterrolle ins Spiel: Wir alle sind innerhalb einer gesellschaftlichen Prägung großgeworden, die uns vermittelt, wie eine Mutter zu sein hat, was sie zu tun und zu fühlen hat. Und selbst wenn wir uns rational vornehmen, es selbst anders zu machen, so kostet das Ankämpfen gegen dieses Bild:


Kraft!


Kraft, die viele von uns gerade in der enorm kräftezehrenden Anfangsphase nicht haben. Zumal wir Mütter sowieso schlechtere Ausgangsbedingungen haben, wenn es um die Neuverteilung von Aufgaben und Freiheiten geht, denn wir sind es ja, denen von der Gesellschaft eigentlich fast alle Aufgaben rund ums Kind als „natürliche“ Rollenverteilung zugedacht werden.

Wir müssen also nicht nur generell um eine neue Aufgabenverteilung handeln, sondern dabei gleichzeitig noch gegen das vorherrschende Mütterideal in den Köpfen ankämpfen (ja, auch in unseren eigenen). Und das kostet doppelt und dreifach Kraft. Manch eine Mutter hat vielleicht gar nicht das Glück in einer (halbwegs) gleichberechtigten Beziehung in diese neue Rolle zu starten und gibt daher von vorneherein gleich auf und übernimmt stillschweigend eben alles was zusätzlich anfällt.

Und selbst, wenn wir von einer (relativ) gleichberechtigten Beziehung starten passiert es ehe wir es uns versehen eben doch nur allzu schnell: Die Zeit vergeht und es schleichen sich plötzlich Rollenklischees ein, die wir uns früher im Traum nicht ausgemalt hätten:

- WIR sind überwiegend in der Anfangszeit daheim, weil eine Mutter ja zu ihrem Baby gehört und plötzlich kommen wir aus der Nummer auch nicht mehr so einfach raus. Denn oh Überraschung:

-Dadurch übernehmen wir ungefragt die überwiegende Verantwortung fürs Kind, weil WIR gebeutelt von Schlafmangel, Stilldemenz und Dauerpräsenz des Babys keine Kraft mehr haben gleichzeitig auch noch gegen unterschwellige, festzementierte Rollenbilder anzudiskutieren.

- Weil wir die meiste Zeit mit dem Kind verbracht haben, sind wir nun die Expertin fürs Kind und liefern den scheinbaren Beweis für den „Mutterinstinkt“.

- Ohne uns geht plötzlich scheinbar nichts mehr und auch die Kinder sind dann häufig auf uns Mütter fixiert, sodass auch noch das schlechte Gewissen hinzukommt, wenn wir uns versuchen Freiheiten zu nehmen…

Und so weiter und so fort…


Der Teufelskreislauf spinnt sich weiter


und je länger wir drin verharren, desto schwieriger und aufwändiger wird es daraus wieder auszubrechen. Aber: Am gleich zu Beginn daraus auszubrechen ist eben auch schier unmöglich, weil: Vorherrschende Rollenbilder und so…

Ja, mittlerweile tut sich da was, aber eben auch wieder nicht so viel, wie es scheinen mag. Es ist strukturell im Regelfall weder gewollt noch (finanziell) möglich, dass beide Elternteile sich von Anfang an gleich viel einbringen – und so landet man eben doch wieder in der klassischen Rollenverteilung: Er bringt das Geld nach Hause und sie kümmert sich um die unbezahlte Carearbeit (nur mit dem zusätzlichen „Bonus“ obendrauf, dass sie doch dann irgendwann auch wieder ein bisschen zusätzlich Arbeiten gehen sollte, soll ja nicht langweilig werden, ne?).

Und durch diesen ganzen Prozess rutschen wir Mütter eben mehrheitlich viel tiefer in die Rolle der Bittstellerin als die Väter, eben weil unser Freiheitsverlust in der Regel durch die uns zugedachte Rolle wesentlich größer ist. Natürlich spricht man sich in einer guten Beziehung im Idealfall z.B. GEGENSEITIG ab, wenn einer von beiden abends unterwegs ist, aber wenn einer Teilzeit arbeitet und mittags die Kinder nimmt und der andere Vollzeit, wenn einer gedanklich die hauptzuständige Person für den Themenbereich Kinder und deren Organisation ist, wenn einer dadurch eben auch die emotionale Hauptbezugsperson FÜR die Kinder ist etc…. dann ist klar, wer eben auch die Hauptbelastung trägt und dadurch um wesentlich mehr Dinge bitten muss.


Und nur um das Totschlagargument „Dann änder doch was“ nicht unerwähnt zu lassen:


Natürlich ist eine Veränderung der einzige Weg, um diesem Teufelskreislauf zu entkommen. Aber die kostet wieder was? Kraft und Kapazitäten. Und die muss man erstmal haben.

Und so bleibt es dann häufig irgendwann bei einem gewissen Grad der Resignation und des Wartens darauf, dass die Kinder älter und selbstständiger werden und sich das Problem von selbst „in Luft auflöst“. Was natürlich auch nicht der optimale Weg ist.

Aber häufig die Realität.

Veränderungen passieren nur in kleinen Schritten. Wir sollten für eine Veränderung des Mutterbilds kämpfen, wir sollten für unsere Freiheiten als Mutter kämpfen. Aber wir können nur so viel kämpfen, wie die eigene Kraft und die eigenen Umstände es zulassen. Und die sind höchst individuell.

Das Problem hingegen ist ein strukturelles.


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