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  • AutorenbildEveline

High-was?

Aktualisiert: 19. Okt. 2023




Mein Kind ist irgendwie anders!


Irgendwie funktioniert bei uns nichts so, wie es beschrieben wird.

Ich glaube irgendwas machen wir falsch.

Alles Gedanken, die ich die ersten drei, vier Jahre als Mama hatte. Bis ich verstand, dass mein Kind tatsächlich anders IST - aber daran nichts falsch ist. Nur einfach eben ANDERS.

Dass das der Grund war, weshalb all die gelesenen Erziehungsratgeber zwar vom Prinzip her logisch schienen, es mir aber dennoch nie gelang sie vollständig umzusetzen. Weil man mit der Anleitung für ein BILLY Regal eben keinen BESTA Schrank aufbauen kann.


Spaß beiseite. Natürlich sind Kinder weder mit Regalen noch mit Wohnzimmerschränken eines schwedischen Möbelriesen vergleichbar. Aber dennoch verdeutlicht das Bild meine Verzweiflung und Gefühle damals ganz gut: Ich hatte das Gefühl, als hätte ich mit all diesen Erziehungsratgebern eine Bedienungsanleitung an die Hand bekommen und versuchte verzweifelt sie zu befolgen, aber es funktionierte eben einfach nicht. Und ich fühlte mich als sei ich einfach zu blöd diese verdammte Anleitung richtig zu lesen.


Irgendwann stieß ich dann auf den Begriff “High-Need” Kinder und begann mich mit Neurodivergenz zu beschäftigen, was für mich ein Augenöffner war.


WICHTIG an dieser Stelle: High-Need an sich ist keine offizielle Diagnose, sondern eine Einschätzung der Eltern.

UND

Hinter High-Need steckt nicht selten eine (unentdeckte) Diagnose wie z.B. Autismus oder ADHS. Aber auch weitere Entwicklungsstörungen oder z.B. Hochbegabung kann sich hinter High-Need verbergen.


Was genau war denn jetzt aber bei uns “anders”? Was hat mich dazu gebracht so zu verzweifeln? Nicht selten höre ich, wenn ich meine Tochter ein wenig beschriebe: "Krass, redest du da gerade von meinem Kind? Ich dachte, wir wären allein damit!" Daher im Folgenden ein paar Beispiele, die mein Gefühl von unser Kind ist "anders" geprägt haben:


Impulsivität:

Unser Kind war immer schon SEHR impulsiv oder anders gesagt: Impulskontrolle oft gleich null.

Wenn sie etwas will, dann JETZT.

Wenn sie eine Frage hat oder etwas sagen möchte dann SOFORT.

Warten ist kaum möglich. Wenn sie nicht gleich eine Antwort oder Aufmerksamkeit bekommt, dann wird die Frage oder der Satz wie bei einer kaputten Schallplatte eben so lange wiederholt, bis das Gegenüber aufgibt und sich ihr zuwendet. Egal wie oft ich versucht habe zu erklären, dass ich antworte, wenn ich das Gespräch zu Ende geführt habe - es setzte lange Zeit kein Lerneffekt ein. Heute mit fünf Jahren sind Fortschritte erkennbar, aber die Impulskontrolle ist längst noch nicht immer da.


Intensität:

Unser Kind war immer schon intensiv. Schon als Baby - wenn sie weinte, dann LAUT.

Kein leise anschwellendes Weinen, wenn sie anfing, dann war der Lautstärkeregler sofort auf 100 Prozent.

Jedes Aufwachen war mit Weinen verbunden. Ich habe es in den ersten zwei Jahren nicht einmal erlebt, dass mein Kind OHNE herzerweichendes Weinen aus dem Schlaf aufwachte.

Alles was sie empfindet, empfindet sie intensiv. Von 0 auf 100 in zwei Sekunden.

Wir hatten Phasen in denen sie ihre Liebe nicht anders ausdrücken konnte, als uns viel zu fest zu drücken, teilweise zu kneifen.

Wenn sie hingegen verletzt ist, dann war sie lange den kompletten Tag lang noch nachtragend - zumindest bei allen anderen Personen als bei mir.

Die Wutanfälle waren vor allem LAUT. Und durch nichts abmilderbar. Ich durfte sie weder anfassen noch ansprechen, bis ein Punkt erreicht war, an dem genug Wut verpufft war und sie wieder ansprechbar war. Dann ging trösten - vorher hätte es alles nur verschlimmert.


starker Wille:

Das gleiche gilt für Wünsche die sie hat. Wenn sie etwas will dann DAS.

Kein Kompromiss. Keine Alternative. Ablenken ebenfalls unmöglich.

Auch hier ist es heute an manchen Tagen mittlerweile besser. Die ersten vier Jahre aber war es nahezu unmöglich. Wie oft habe ich versucht zu sagen: Noch dreimal Rutschen dann gehen wir aber. Manchmal klappte es. Und oft habe ich irgendwann nach dem zwanzigsten Rutschen kapituliert und gesagt: ICH gehe jetzt und bin losgelaufen oder habe sie hochgenommen und weggetragen.


Bindung:

Unser Kind war von Anfang an extrem auf mich fixiert. Dass ich das erste Jahr daheim war, hat es sicher nicht “besser” gemacht, aber mittlerweile vermute ich, selbst mit anderen Voraussetzungen wäre es nicht viel anders gewesen. Die ersten 3,5 Jahre war Papa oft nur der sprichwörtliche Prügelknabe. Wenn ich nicht da war, war er akzeptiert aber wehe ich war anwesend. Dann war Papa Luft und noch schlimmer: Er war immer schuld. Er war der blöde Papa, selbst wenn ich ihr etwas verboten hatte. Er wurde rundheraus abgelehnt. Und ich war im Dauereinsatz.



Unruhe:

Unser Kind ist der sprichwörtliche Unruhegeist. Motorisch eigentlich immer in Bewegung und auch der Kopf gibt nur selten Ruhe. Einschlafen (und irgendwann auch Stillen) war bei uns nur im nahezu komplett abgedunkelten Zimmer möglich - zu groß die Angst etwas zu verpassen. Nur wenn Dinge ihre komplette geistige Konzentration fordern wie ein Spiel auf dem Tablet oder eine spannende Serie ist sie auch körperlich ruhig. Ansonsten ist sie nahezu immer in Bewegung und auch nahezu immer am reden/Geräusche machen.


Unzufriedenheit:

Unser Kind war schon immer “getrieben”. Sie hat immer direkt die nächste Stufe von etwas im Blick und ist nie mit etwas zufrieden. Als Baby war sie quasi permanent quengelig. Als sie robben konnte, wollte sie krabbeln, als sie krabbeln konnte wollte sie laufen und so weiter. Besser wurde es erst als sie mit 1,5 Jahren so richtig zu sprechen begann. Und auch heute noch ist es oft so, dass sie schnell frustriert ist, wenn etwas nicht sofort klappt.


Sich alleine beschäftigen:

Unser Kind kann sich sehr schlecht bis gar nicht alleine beschäftigen - oder will es nicht.

Es ist ihr schlicht zu langweilig. Selbst heute mit fünf Jahren noch ist die einzige Auszeit die ich habe die, wenn das Tablet läuft oder sie auf dem Tablet spielt. Ansonsten muss ich sie in meine Tätigkeiten entweder mit einbinden oder mich gezielt mit ihr beschäftigen. Alles andere geht einfach nicht bzw wäre mit andauernder Unterbrechung oder Protest verbunden gewesen. Auch hier wurde es mit 4 Jahren endlich etwas besser - so kann ich mittlerweile z.B. mal 15 Minuten im Bad sein, während sie nebenan im Zimmer alleine bleibt. Aber das ist auch der Gipfel dessen was möglich ist.


Diskrepanz zwischen geistiger und emotionaler Reife:

Unser Kind hat früh sehr gut gesprochen. Sie begann mit 1,5 Jahren und hat uns dann ganz schnell mit zwei, zweieinhalb in komplexen Sätzen die Ohren abgekaut. Mit drei begann sie Fahrrad zu fahren, mit viereinhalb Inlineskates. In vielen kognitiven Dingen war sie einfach einen Tick weiter als ihre Altersgenossen (was mir aber lange Zeit gar nicht so bewusst war, weil mir die Vergleichswerte fehlten). In vielen emotionalen Aspekten der Hirnreife dafür eher hinterher. Das hat oft dazu geführt, dass wir zu viel von ihr erwartet haben. Wenn sich ein Kind eben ausdrückt und argumentiert wie ein fünfjähriges Kind, vergisst du schnell mal, dass es ja aber trotzdem erst dreieinhalb ist.



Die Konsequenz aus all dem war, dass ich die ersten vier Jahre mich und mein Leben nahezu komplett an unser Kind angepasst habe - ja anpassen musste. Denn jedes konsequent auf den eigenen Weg beharren, jedes “Durchsetzen”, jedes Grenzen ziehen war mit entsprechend intensivem Protest und Wutgeheul verbunden. Und dazu fehlte mir ganz ehrlich gesagt oft schlicht und ergreifend die Kraft.

Also habe ich oft JA gesagt, auch wenn ich lieber gerne NEIN gesagt hätte. Habe vieles liegen gelassen und mich nur um sie gekümmert. Habe nachgegeben und mich und den Tagesablauf komplett nach ihr gerichtet.


Deshalb fühlten sich die ersten Jahre oft wie ein Ritt auf der Rasierklinge an und nicht einmal bin ich aus Kraftlosigkeit erst viel zu spät für meine Bedürfnisse eingestanden und weit über meine Grenzen und Kräfte gegangen. Weil auch ich erstmal lernen musste, dass es für mein Kind einfach nie genug ist, egal wie viel ich tue. Weil es einfach ein Teufelskreislauf ist, wenn du ein Kind hast das so intensiv ist und fühlt und dadurch auch intensiv fordert und dann auch noch intensiv auf eine Bindungsperson fokussiert ist. Die Kraft ist quasi permanent aus.


Heute ist es besser. Weil da kleine Schritte des Fortschritts sind. Vor allem aber auch, weil unser Kind älter wird und die “Last” auf mehrere Schultern verteilt werden kann. Wenn wir zusammen sind fordert sie immer noch unsere komplette Aufmerksamkeit - aber sie geht mittlerweile eben auch mal allein zu Spieldates und das schafft Luft. Sie spielt mittlerweile - zumindest wenn sie mit ihren Freunden zusammen ist - allein und ohne, dass ich direkt mit anwesend sein muss oder gar mitmachen muss. Sie ist immer noch impulsiv und intensiv - aber sie ist mittlerweile auch in der Lage nachzugeben und meine Seite zu sehen.


UND: Sie ist keineswegs eine “egoistische Göre” geworden oder welche Befürchtung auch immer ich damals hatte. Im Gegenteil! JA sie ist willensstark, ja sie weiß sich durchzusetzen und ja so manches mal muss ich sie ausbremsen und daran erinnern, dass da auch noch andere sind. Aber ganz oft gibt sie für ihre Freunde von sich aus nach. Sie verschenkt Kleinigkeiten als Trost, wenn der andere sich weh getan hat. Sie ist herzlich und mitfühlend und unglaublich liebevoll. Sie ist clever und witzig und nicht selten verblüfft sie mich mit ihrem Mut und ihrem Selbstvertrauen.


Für mich waren all diese Ratgeber ein guter Einstieg ins Thema. Sie haben mir den neusten Stand der Forschung vermittelt und sie haben geholfen alte Glaubenssätze loszulassen. Aber ich musste lernen, dass sie eben (und das ist auch völlig normal) nicht für alle Kinder komplett gelten können. Ich musste lernen meinen eigenen Weg zu finden.


P.S.: Wenn es euch genauso geht wie mir kann ich euch diesen Artikel sehr empfehlen:

Ihr findet dort5 Tipps, die euch im Umgang helfen können und auch einen kleinen Test, ob euer Kind in die Kategorie fällt (doch den dürftet ihr vermutlich fast nicht mehr brauchen, wenn ihr euch durch meinen Beitrag gesehen fühlt ).

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