• Eveline

Meine Reue im Wandel der Zeit (1)

Aktualisiert: 28. Feb.

Wochenbett


Immer mal wieder werde ich gefragt, wie sich dieses Bereuen für mich anfühlt. Woran ich gemerkt habe, dass ich bereue. Wie es mir damit geht. Ob ich immer noch bereue. Ich habe beschlossen meinen Blog mal wieder ein bisschen zu reaktivieren und will die nächsten Wochen hier darüber berichten.


Ich habe im letzten Jahr viel reflektiert, denn ich spüre eine Veränderung in mir, die mich zunächst irritiert hat. Ich merke, wie das Gefühl der Reue, das mich seit Beginn meiner Mutterschaft begleitet, sich verändert. Sie ist immer noch da, aber anders als zu Anfang. Wie so vieles anderes auch, unterliegen meine Gefühle der Mutterrolle gegenüber einem Prozess. Sie sind einem Wandel unterworfen, der von vielen Faktoren abhängt. Sie sind nicht statisch und nicht in Stein gemeißelt.


Ganz am Anfang, als ich noch gar keinen Namen für diese Menge an Emotionen hatte, die da über mich herfiel, da war es als sei ich in einem Sturm mitten auf dem Meer. Um mich herum tiefste Nacht und Verzweiflung, meterhohe Gefühlswellen an Trauer und Wut. Der Donner des schlechten Gewissens grollte und das Gefühl des Versagens blitzte krachend auf mich herunter. Ich wurde von meinem Sturm der Gefühle hin und her gepeitscht während ich krampfhaft versuchte den Kurs zu halten und meine Aufgabe auszuführen. Der Verantwortung gerecht zu werden, die ich übernommen hatte.


Was ich hier so poetisch versuche zu beschreiben ist der Fakt, dass die Anfangszeit mit Baby die Hölle auf Erden für mich war. Da war kein Glück, da war keine überwältigende Liebe- nein da war eine wahre Sturmflut an negativen Emotionen, mit der ich nicht im Mindesten gerechnet hatte. Die positiven, hellen Momente suchte ich in der Anfangszeit vergebens. Jeder Tag fühlte sich an wie ein Kampf ums Überleben meiner selbst als Individuum und gegen das Versagen in meiner neuen Rolle als Mutter, in der ich nun Verantwortung gegenüber einem kleinen Bündel Mensch übernommen hatte.

Den Freiheitsverlust empfand ich als so grandios, dass es mir den Boden unter den Füßen wegzog. Mich von einem anderen Wesen so völlig abhängig zu machen und mir den Tagesablauf diktieren zu lassen widerstrebte mir zutiefst (bei allem rationalen Verständnis dafür, dass es nun mal notwendig war und dazugehörte).

Der Schlafmangel machte mich mürbe, er höhlte mich solange aus, bis ich mich selbst nicht mehr spürte.

Das schlechte Gewissen über all diese Gefühle, die ich so nicht erwartet hatte, traf mich mit Macht und zog mich in ein tiefes Tal. Jeder Tag fühlte sich an wie eine unmenschlicher, immer wiederkehrender, öder Marathon aus Stillen, Wickeln und Tragen. Ich freute mich über nichts mehr, ja ich fühlte mich so schlecht, dass ich mich entschied, vielleicht lieber gar nicht mehr zu fühlen. Stumpf ging ich meinen Pflichten nach und hoffte auf bessere Zeiten.


Ich war unendlich enttäuscht, war mir die Anfangszeit mit Baby doch immer als wolkig weiche, süße Phase der ersten Verliebtheit verkauft worden. Und ich spürte einfach nichts davon. Kein Glück, keine Liebe, nichts Positives. Nur Trauer um mein altes Leben, Überforderung ob der neuen Aufgabe, unsagbare Müdigkeit, Wut darüber mir meinen Tagsablauf von diesem kleinen Wesen diktieren lassen zu müssen, Einsamkeit und Langeweile.


Irgendwann circa fünf Wochen nach der Geburt war ich an dem Punkt angelangt, dass nichts mehr ging. Ich spürte den überwältigenden Wunsch eine Tasche zu packen und Mann und Kind zu verlassen. Einfach nur raus, einfach nur weg. Mein Leben fühlte sich wie ein Gefängnis an und ich wollte nur noch fliehen.

Doch ich unterdrückte den Impuls und blieb. Ich hätte es nicht gekonnt. Hätte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können. Mit der Liebe zu meinem Mann. Mit dem Verantwortungsgefühl meiner Tochter gegenüber.


Von außen sah man mir meine Gefühle wohl nicht an. Man sah eine übermüdete Neu-Mama, die sicherlich nicht immer glücklich wirkte, doch ich funktionierte ja. Ich lag nicht nur im Bett und weinte. Ich erledigte all meine Pflichten. Vermutlich fiel es aber auch nur niemandem auf, da wir ja kaum jemanden sahen in den ersten Wochen. Kontakt wenn dann nur über WhatsApp und da lässt es sich nun ziemlich leicht die Fassade wahren. Ich fühlte mich allein gelassen. Wir waren auf uns gestellt. Daher war mein Mann der einzige, der ansatzweise mitbekam, wie es mir wirklich ging. Denn wem hätte ich auch sonst davon erzählen sollen? Meinen schwangeren Freundinnen? Denen, die noch keine Kinder hatten? Meinen Arbeitskollegen, die ich seit dem Mutterschutz auch nicht mehr wiedergesehen hatte? Der Familie? Der Hebamme, die ich ja kaum kannte? Der Kinderärztin, die mir quasi kommentarlos irgendwelche Checklisten und Flyer für die Familienberatungsstätte gab, wenn ich andeutete, dass ich mich überfordert fühlte? Wohl kaum.

Also behielt ich meine Gedanken für mich. Zu groß die Angst als krank abgestempelt zu werden. Zu groß die Diskrepanz zwischen dem was ich fühlte und glaubte fühlen zu müssen.

Ich spielte also weiter meine Rolle in diesem Theaterstück. Lächelte und nickte höflich, wenn man mir gratulierte, obwohl ich innerlich daran schier zerbrach.


Und dennoch: Von bereuter Mutterschaft hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht im Traum gesprochen, auch wenn ich ganz klar mein altes Leben vermisste. Auch wenn ganz klar der Gedanke schon von Anfang an da war: "Was wenn das alles ein riesen Fehler war? Was wenn ich niemals wieder richtig glücklich werde?" Auch wenn ich mich schrecklich fühlte, ob all der negativen Gefühle, die ich hatte. Auch wenn ich dachte, mit mir stimmt etwas nicht, weil ich zuerst einfach keine Bindung zu diesem kleinen Wesen aufbauen konnte. Weil ich einfach keine Liebe empfand.

Denn da war eben auch eine große Hoffnung in mir, dass es bald besser werden würde. Dass es vielleicht nur die Anpassungsschwierigkeiten zum Anfang hin waren. Die Hormone. Und der Schlafmangel.

Und überhaupt - hieß es nicht die ersten zwölf Wochen mit Baby seien die schlimmsten und danach würde es viel besser werden? Es konnte ja schließlich nicht ewig so weitergehen mit dieser Situation. Irgendwann würde der Schlaf wieder besser werden, irgendwann würde sich ein Rhythmus finden, eine Routine entstehen. Diese grässliche Unsicherheit verschwinden. Und dann würde ich mich besser fühlen. All das betete ich mir Mantra artig immer und immer wieder vor, wenn die negativen Gedanken mich fest im Griff hatten. Es war mein einziger Rettungsanker in dieser Zeit. Die feste Überzeugung, dass es doch irgendwann bald wieder besser werden musste.

Abgesehen davon kannte ich weder den Begriff, noch wusste ich, dass es auch andere Mütter gab, die so empfanden. Ich dachte das Problem liegt einzig und allein bei mir. Ich dachte ich sei auf gewisse Art einfach kaputt im Kopf. Und das machte mir bei aller Hoffnung auf bessere Zeiten gleichzeitig unglaubliche Angst.


Wie es weiter ging? Das lest ihr bald in meinem nächsten Blogpost.


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