• Eveline

Meine Reue im Wandel der Zeit (3)

Kleinkindzeit



Die Eingewöhnung in die Kita war im ersten Jahr mein Licht am Ende des langen, dunklen Tunnels der Elternzeit gewesen. Und sie sollte halten was sie versprach:

Mutter sein fühlte sich zwar immer noch so an, als sei ich mit Vollgas auf einer holprigen Straße unterwegs, aber zumindest war es nun deutlich heller um mich, sodass ich die Schlaglöcher, die mich umgaben, erkennen konnte.

Durch viele fuhr ich zwar dennoch immer noch ungebremst hindurch und wurde dabei ordentlich durchgeschüttelt, doch manchmal gelang es mir sogar einigen von ihnen auszuweichen. Ich hatte nun die meiste Zeit wenigstens das Gefühl das Steuer wieder selbst in der Hand zu haben und aktiv ins Geschehen eingreifen zu können, weil durch Kita und Alleinzeit überhaupt wieder genügend Kapazitäten dafür da waren. Ich fühlte mich endlich nicht mehr komplett ausgeliefert.


Ciao, Krisenmodus - hallo Leben!

Die ersten Stunden ganz allein - ein Geschenk des Himmels.

Nach einem Jahr in dem ich quasi nur noch dafür existiert hatte mein Baby zu versorgen war ich endlich auch wieder ICH. Zurück in meinen Job war ich endlich wieder nicht mehr nur Eveline die MUTTER, sondern einfach Eveline der MENSCH. Mein Kind spielte in diesen Stunden eine untergeordnete Rolle und das tat unheimlich gut.

Die erste Zeit nach der Kitaeingewöhnung war mein persönlicher Honeymoon der Mutterschaft. Ich war wie berauscht, genoss in vollen Zügen und das Leben schien wieder leicht. Ich stand da und in meinem Kopf lief in Dauerschleife: "Siehst du, du hast es überstanden! Es war tatsächlich nur das erste Babyjahr! Jetzt - jetzt wird endlich alles rosig und wundervoll. Genauso wie es dir immer alle erzählt haben!" ...


...Und dann machte es PENG und die Seifenblase zerplatzte.


Denn irgendwann holte die Realität mich ein und das tägliche Gehetze um die an mich gestellten Erwartungen zu erfüllen begann:

Schnell alle fertig machen um das Kind PÜNKTLICH in der Kita abzuliefern.

Hoffentlich gut durch den Berufsverkehr kommen um PÜNKTLICH im Büro zu sein.

Ja effizient arbeiten um meine Arbeit erledigt zu haben und PÜNKLTICH Feierabend machen zu können.

Hoffentlich kein Stau auf dem Heimweg, denn ich musste ja PÜNKTLICH in der Kita sein.

Rechtzeitig das Abendessen auf den Tisch stellen, damit wir alle PÜNKTLICH essen können und das Kind rechtzeitig ins Bett kam, bevor es vor Übermüdung völlig überdrehte.


PÜNKTLICH und SCHNELL waren die neuen Attribute für mein Leben. Dennoch ging es mir damit wesentlich besser als im ersten Jahr daheim. Denn noch fühlte sich dieses Tempo für mich gut - ja auf gewisse Weise sogar erholsam - an. Erst mit der Zeit merkte ich, wie ich allmählich aus der Puste kam. Denn genau wie im Hamsterrad, so war es nun auch jetzt in meiner Rolle als berufstätige Mutter: Eine Pause war nicht möglich. Das Rad drehte und drehte sich und wenn ich nicht unter die Räder kommen wollte, dann musste ich laufen. Unaufhörlich laufen.


Hinzu kamen die Erwartungen und unterschwelligen Bewertungen, die mich überall umgaben und die ich nie so ganz ignorieren konnte, egal wie sehr ich es auch wollte und mir vorgenommen hatte. Jetzt da ich aus der Einsamkeit meiner Elternzeit herausgetreten war, wurde ich ihnen permanent ausgesetzt. Allein zu Hause, die meiste Zeit in den eigenen vier Wänden verbringend hatte ich mich vergessen gefühlt - so als sei ich aus der Welt herausgepurzelt und diese drehte sich plötzlich ohne mich weiter. Nun da ich im Berufsleben stand und ein Kita-Kind hatte war ich wieder Teil dieser Welt geworden - doch so richtig wohl fühlte ich mich darin nicht. Ich wünschte mir Anerkennung für das was ich tat und leistete. Ich wollte gesehen werden, ich wollte nicht mehr selbstverständlich sein. Und so war jedes "oh so lange ist sie in der Kita", jedes "aber es ist doch so schön, wenn sie einen anlächeln", jedes "ihr Kind freut sich so, wenn sie es früher holen" ein Stich in mein Herz. Weil es mir spiegelte, dass ich in den Augen dieser Welt etwas grundlegend falsch machte. Aufgabe nicht erfüllt - Setzen Sechs!

Sich in diesen Momenten hinzustellen und zu entgegnen: "Aber für uns ist es genau richtig so, mir doch egal was ihr denkt!" - dazu hatte ich nicht die Kraft. Dafür war ich viel zu unsicher in meiner Rolle als Mutter und zu ausgelaugt und verletzlich nach dem ersten - für mich so massiv kräftezehrenden - Jahr.


"Es wird nicht besser, es wird nur ANDERS" wird nicht umsonst gerne von Eltern geseufzt und auf gewisse Weise traf das auch auf mich zu. Manche Herausforderungen verschwanden durch Kita und Wiedereintritt in den Arbeitsalltag - andere kamen hinzu.

Dennoch würde es nicht stimmen, wenn ich es dabei beließe - denn für mich persönlich war es trotz allem durch Kita und Beruf in Summe besser geworden. Mein Leben fühlte sich wieder positiver an.

Und trotzdem forderte mich auch diese Zeit auf ihre Weise massiv heraus und brachte mich nach drei Jahren an den Rand eines Burnouts.


Ich als Mensch brauchte es wieder arbeiten zu gehen und gefordert zu sein.

Ich in meiner Rolle als Mutter verzweifelte an der mangelnden Vereinbarkeit, den gesellschaftlichen Ansprüchen und dem eigenen Willen eines Kleinkindes.


Ich als Mensch genoss es wieder Zeit für mich ganz allein zu haben, wieder mehr ICH zu sein.

Ich in meiner Rolle als Mutter verspürte dagegen ein enormes schlechtes Gewissen, weil ich mein Kind so lange in der Betreuung ließ "nur" um auch mal in Ruhe eine Zeitschrift zu lesen.


Ich als Mensch empfand es so, als hätte ich einen für mich guten Weg gefunden meine Mutterschaft zu leben.

Ich in meiner Rolle als Mutter spürte aber, dass dieser Weg jeden Tag aufs Neue mit der Anspruchshaltung von außen und den eigenen verinnerlichten Glaubenssätzen kollidierte.


Und meine Reue?

Die blieb auch in der Kleinkindzeit - aber sie wurde leichter. Nicht ganz so unerträglich wie zu Beginn. Es gab nun mehr Licht und nicht nur Schatten. Mich damit nun aber wirklich und so richtig auseinanderzusetzen (oder besser gesagt es zu müssen), das brachte die eigentlichen Herausforderung in dieser Zeit für mich mit sich:


  • Zu erkennen, dass manches zwar besser, anderes dafür aber schwieriger geworden war und es sich in Summe für mich immer noch nicht nach einer guten Entscheidung anfühlte Mutter geworden zu sein.

  • Zu akzeptieren, dass meine Gefühle zur Mutterschaft offensichtlich nicht nur den Anstrengungen und der Einsamkeit des Babyjahres geschuldet waren und nicht einfach so weggehen würden.

  • Die damit einhergehenden Schuldgefühle zu ertragen, weil ich einfach nicht so fühlen konnte, wie meine Glaubenssätze es mir vermitteln wollten.

  • Gegen genau diese Glaubenssätze anzugehen um mich in meinem Weg als Mutter immer sicherer zu fühlen.

  • Und letztendlich: Zu hinterfragen welche Aspekte genau diese Gefühle in mir auslösten um zu versuchen zumindest im Kleinen dafür Lösungen zu finden, die die Gefühle vielleicht ein wenig mindern konnten.

Denn irgendwann nach diesem ersten Babyjahr war sie da, die große Erkenntnis: Die Reue war ein Teil von mir. Es gab nun keine "Ausrede" mehr für mich um darauf zu hoffen, dass morgen einfach alles anders war. Ich würde damit leben müssen - vielleicht für immer, zumindest aber für noch so einige Zeit.



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