• Eveline

Vereinbarkeit ist ein Arschloch...

Aktualisiert: 14. Sept.


Photo by charlesdeluvio on Unsplash


... oder genauer gesagt: Der Mythos von Vereinbarkeit, der einem suggeriert, man könnte alles gleichzeitig wuppen, wenn man es nur richtig macht. Denn Überraschung: Ganz so einfach ist es nicht!

Eigentlich hätte diese Woche ein anderer Steady-Text von mir kommen sollen. Eigentlich hätte er auch pünktlich Dienstag morgen live gehen sollen.

Eigentlich...


Anders gesagt: Hätte, hätte Fahrradkette.


Denn dann kam das Leben dazwischen. Präsenztag im Büro, Hitzenachmittage, die im Freibad verbracht werden wollen, Einkäufe, die noch kurz dringend erledigt werden müssen, Homeoffice-Arbeitstage mit Meetings, die sich nahtlos aneinander reihen, die Ankündigung von wieder mal verkürzten Öffnungszeiten in der Kita, ein Garten der dringend gegossen werden muss und ein Kopf, der am Ende eines langen Tages einfach keine Kapazitäten mehr hat.

Und so sitze ich jetzt hier, höre im Meeting zu und fange nebenher an diesen Text über Vereinbarkeit zu tippen - oder besser gesagt das Fehlen derselbigen. Denn wie sich für mich herausgestellt hat ist Vereinbarkeit für mich in der heutigen Zeit und als Mutter vor allem eines:


Eine Lüge, ein Märchen, ein Mythos.


Und damit sind wir ja eigentlich doch wieder im Themenbereich der aktuellen Steady-Reihe angekommen: Mythen, die einem die Elternschaft ganz schön zur Hölle machen können.

Fakt ist eines: Wir leben sowieso in einer immer schnelllebigeren Zeit, die uns nicht selten alles abverlangt. Mit jedem Jahr, das ich älter wurde nahmen die Verpflichtungen und die Liste der Dinge, die ich organisieren und unter einen Hut bringen muss zu. Seit ich Mutter bin ist sie gänzlich explodiert: Berufsleben, Eigentum, diverse Verträge, Sport und Freizeitvergnügen, Kinderbetreuung, Kinderfreundschaften, Kinderklamotten und so weiter und so fort.

Es hört einfach nicht auf und das Hamsterrad in dem ich mich befinde dreht sich immer schneller. Ich war immer extrem gut organisiert, doch mittlerweile habe selbst ich ein Stadium erreicht, in dem ich im Chaos zu versinken drohe. Ich vergesse Dinge, ich mache Dinge nicht zu Ende, weil irgendwas anderes plötzlich brennt, mache Dinge parallel, die ich besser nacheinander statt nebeneinander tun sollte und ich fühle mich sehr oft getrieben - ganz einfach weil ständig tausende Dinge darauf warten noch erledigt zu werden und es ganz einfach NIE weniger wird.


Nicht wenig davon ist auf gewisse Art "selbstverschuldet": Hätte ich kein Eigentum, müsste ich mich um viele Dinge nicht selbst kümmern, hätte ich keinen Garten fiele auch die Gartenarbeit weg, hätte ich nicht den Luxus einer Kinderbetreuung plus Babysitterin gäbe es auch hier nichts zu organisieren. Man könnte jetzt also sagen: "Selbst Schuld! Da hast du doch die Lösung! Du musst einfach minimalistischer leben - dann hast du keinen Stress mehr! "doch das ist zu kurz gedacht. Denn das Eigentum ist für mich auch eine Art der Altersabsicherung, der Garten ein Erholungsort, die Kinderbetreuung essentieller Bestandteil für mein Wohlbefinden als Mensch und das Gelingen unserer Paarbeziehung - sie ermöglicht mir überhaupt erst Sport und Freizeitaktivitäten, da uns das soziale Netz über die Familie fehlt.

Hinzu kommt: Eigentlich ist ja genau DAS das innewohnende Versprechen, das einem das Märchen der Vereinbarkeit erzählt: "Sie her, du kannst ALLES haben als Frau. Du kannst Mutter werden und dennoch weiter im Beruf erfolgreich sein (wenn du das willst), eine gute Beziehung haben und auch noch für dich selbst sorgen - alles kein Thema. Heutzutage ist einfach alles möglich, alle Türen stehen dir offen!"


Tja, Pustekuchen.


Eines ist denke ich klar: Man kann eben NICHT alles haben. Zeit ist endlich - und auch durch das beste Zeitmanagement ist es schlicht und ergreifend nicht möglich einfach so weiterzumachen wie bisher, wenn sich die Rahmenbedingungen plötzlich grundlegend ändern.

Wenn da plötzlich ein Kind ist, das deine Zeit beansprucht, dann musst du diese Zeit woanders abknapsen. Entweder im beruflichen oder im privaten Zeitkontingent - oder sogar bei beiden.

Wenn der Kindergarten plötzlich zehn Wochenstunden weniger Betreuung bietet, dann fehlen diese zehn Stunden, da hilft auch keine Organisationsapp. Da gerät das komplette Organisationsgefüge einmal kräftig ins Wanken und letzendlich stellst du fest:

Es ist es alles eine Frage der Priorisierung!

Ich kann eben nicht auf allen Hochzeiten tanzen und immer noch mehr in meinen Rucksack packen. Irgendwann ist er voll und dann muss ich mit dem auskommen, was drin ist oder etwas raustun damit etwas anderes wieder hineinpasst. Manche Bereiche lassen sich im echten Leben - wenn das entsprechende finanzielle Privileg vorhanden ist - eventuell noch auslagern und schaffen so Luft für anderes aber letztendlich bleibt es bei der Erkenntnis: Wenn ich das eine tun will/muss , dann muss ich dafür etwas anderes lassen. Es ist schlicht und ergreifend nicht möglich alle Teller immer gleichzeitig in der Luft zu jonglieren, die einem das Leben so zu wirft.

Die Kunst dabei ist herauszufinden, welchen Teller man im jeweiligen Moment am Besten zu Boden fallen lässt - sprich wo man Abstriche machen kann. Denn das ist völlig abhängig von der individuellen Situation und den eigenen Präferenzen:

Wie viel Zeit brauche ich für mich um zu regenieren?

Wie viel Sauberkeit und Ordnung brauche ich?

Kann ich es mir leisten auf einen Teil des Einkommens zu verzichten?

Kann ich gewisse Dinge auch einfach sein lassen bzw. auslagern?

Kann ich in gewissen Bereichen meinen Standard etwas weiter runterschrauben?

Was ist mir wirklich wichtig?

Alles essentielle Fragen, die nicht selten gar nicht so einfach zu beantworten sind. Vielleicht ist kein Abknapsen mehr möglich, vielleicht könnte ich auf manches verzichten, doch der Partner kann das nicht und so weiter...

Letztendlich wird es immer auf eines herauslaufen:

Kompromisse

Wir werden einen Teil von dem hergeben müssen, was wir vorher hatten/konnten um wieder Kapazitäten für anderes zu haben. Wir werden für einen gewissen Zeitraum damit leben müssen. dass mindestens ein Bereich unseres Lebens vermutlich nicht zu 100 Prozent so stattfinden wird, wie wir uns das wünsche oder es vielleicht auch brauchen.

Denn Vereinbarkeit als Versprechen nirgends Abstriche machen zu müssen - ist schlicht unmöglich.





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