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Warum Gnade wieder mehr in Mode kommen sollte

Aktualisiert: 11. Dez. 2020

Definition Gnade (Duden):

1. a) Gunst eines sozial, gesellschaftlich o. ä. Höherrangigen gegenüber einem sozial, gesellschaftlich o.ä.

auf niedrigerem Rang Stehenden

b) verzeihende Güte Gottes

2. Milde, Nachsicht in Bezug auf eine verdiente Strafe, Strafnachlass

Gnade ist ziemlich aus der Mode gekommen.


Passt auch nicht wirklich zu unserer heutigen Lebensrealität. Schließlich geht es bei unserem tagtäglichen Wettbewerb des "Höher, Schneller, Weiter" eher um Konkurrenzkampf und Absonderung, als um ein wirkliches Miteinander.


Gnade hat außerdem für viele einen Beigeschmack. Denn Gnade stammt aus dem kirchlichen Kontext, ist eines der häufigsten Worte in der Bibel. Sie impliziert oftmals eine Hierarchie. Das passt für viele nicht in unsere heutige Zeit. Ich selbst habe die Zugehörigkeit zu einer Glaubensrichtung bereits vor einer Weile hinter mir gelassen und kann verstehen, dass man sich mit solch einem tief im Glauben verwurzelten Begriff schwertut.


Und dennoch finde ich, Gnade sollte wieder mehr in Mode kommen.


Sicher, es gibt heute ihre Nachfolgerinnen:


Im Umgang mit anderen wird sie vertreten durch die Toleranz.

Im Umgang mit sich selbst wurde sie abgelöst durch die Selbstliebe.


Doch alle beide können Gnade meiner Meinung nach nicht vollständig ersetzen.


An der Toleranz scheitern und verzweifeln wir oftmals, fordert sie doch von uns völlig andere Lebensentwürfe, Sichtweisen und Moralvorstellungen zu akzeptieren. Je mehr sich diese allerdings von unserem eigenen Leben unterscheiden umso schwerer fällt uns das. Ich bin eine absolute Befürworterin von Toleranz und ich übe mich täglich darin. Und dennoch gibt es Dinge, die KANN ich schlichtweg nicht tolerieren.

Ich scheitere kläglich daran, weil sie komplett meinen eigenen Moralvorstellungen widersprechen. Weil sie so fernab meiner Lebensrealität sind, dass ich mich nicht einmal ansatzweise hineinversetzen kann. Wie kann ich solche Dinge also tolerieren, wenn ich sie nicht einmal ansatzweise verstehe? Wenn sie meinem eigenen Kodex so sehr widersprechen, dass es fast körperlich wehtut? Die Wahrheit ist simpel: Ich persönlich, ich kann das nicht. Was ich aber kann ist: Gnädig sein.

Gnädig sein, heißt für mich in diesem Fall: Akzeptieren, dass ich manche Dinge/Situationen/Menschen nicht tolerieren kann, die Auseinandersetzung damit dann aber wenigstens gnädig zu führen. Respektvoll zu bleiben. Das Beste zu hoffen, wenn es nach dem Schlechtesten aussieht.


Auch mit der Selbstliebe als Nachfolgerin der Gnade habe ich so meine Probleme. Selbstliebe ist der neue Trend. Und an und für sich ein tolles Prinzip. Wir haben viele liebenswerten Eigenschaften, denen wir viel zu wenig Beachtung schenken und vor allem schenken wir uns selbst - dem Menschen, mit dem wir im Leben am meisten Zeit verbringen - leider viel zu oft viel zu wenig Wertschätzung. Aber reicht die Selbstliebe aus? Ich glaube nicht.

Denn es gibt sie, die schwarzen Flecken in und an uns, die es uns so schwer fällt zu lieben. Die wir nicht einmal richtig tolerieren können, weil sie - wieder einmal - unserem eigenen Ideal oder unserem Wertekodex so sehr widersprechen, dass es unmöglich scheint sie zu lieben. Egal wie oft wir uns vor den Spiegel stellen und Mantra artig vor uns hin beten: Ich bin toll. Ich bin gut. Ich liebe mich selbst.

Manchmal, da ist Selbstliebe so anstrengend, dass sie das Leben nicht besser, sondern schlechter macht.

Manchmal ist Selbstliebe für mich ein bisschen zu viel Wettbewerb um Selbstoptimierung und zu wenig Gelassenheit mit sich selbst.

Und da kommt für mich die Gnade wieder ins Spiel:

Sie kann uns akzeptieren lassen, dass es Dinge gibt, die wir an uns nicht mögen. Dass wir nicht perfekt sind.

Dass wir nicht versuchen, diese krampfhaft und zwanghaft zu lieben, sondern anerkennen, dass es immer Licht und Schatten gibt. Und wir uns nicht immer toll finden müssen. Wir müssen es nur irgendwie schaffen mit uns zu Leben. Und das ist manchmal einfacher und manchmal schwerer.


Toleranz und Selbstliebe sind an und für sich eine gute Sache. Problematisch wird es dann, wenn sie zwanghaft werden. Wenn sie immer und überall gelten müssen. Denn das baut Druck auf. Das verlangt Unmenschliches.


Sie sind das hehre Ziel, doch manchmal ist der Weg zu ihnen für uns Menschen zu weit. Die Hemmschwelle zu hoch. Die Anstrengung zu groß. Oder einfach die Entfernung nicht zu überbrücken.

Gnade kann diese Lücke schließen, sie kann ein erster Schritt sein. Sie kann den Weg zu Toleranz und Selbstliebe ein Stückweit verkürzen. Sie kann den Weg ebnen. Sie kann den Anfang machen.

Sie kann ergänzen, wo Selbstliebe und Toleranz unerreichbar scheinen.


Gnade sollte wieder mehr in Mode kommen.

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