• Eveline

Was kann ich tun, wenn ich es bereue Mutter geworden zu sein?

Aktualisiert: 20. Okt. 2020

Eins vornweg: Ich habe keine psychologische Ausbildung und was ich schreibe stellt meinen persönlichen Ansatz dar, der mir geholfen hat. Wenn du das Gefühl hast alleine nicht mehr weiterzukommen, merkst dass du in tiefe Depressionen abrutscht oder spürst, dass du Hilfe benötigst solltest du dich dringend an entsprechende Stellen (Ärzte, Psychologen oder als erste Anlaufstelle auch die Seelsorge unter der Telefonnummer 0800 / 11 10 111) wenden.

Auf eine meiner Umfragen bei Instagram kam vor einer Weile eine Leserin mit dieser absolut wichtigen und auch verständlicherweise drängenden Frage auf mich zu: " Was kann ich tun, wenn ich es bereue Mutter geworden zu sein - außer mein Mann und mein Kind zu verlassen?"


Die Beantwortung dieser Frage ist für viele von uns Betroffenen unheimlich wichtig. Denn niemand von uns bereut seine Entscheidung gerne. Wir haben uns das nicht ausgesucht. Deshalb ist diese eine Frage aber leider nicht weniger komplex. Denn aus meiner Erfahrung gibt es für das Gefühl des #regrettingmotherhood leider keine pauschale Lösung. Es gibt kein Pflaster, das man über die Wunde klebt, die dieses Gefühl in einem schlägt, und alles ist plötzlich wieder gut. Auch nicht die eine Sache, die man in seinem Leben einfach nur ändern muss und plötzlich ist alles eitel Sonnenschein.


Daher glaube ich persönlich auch, dass es keine gute dauerhafte Lösung wäre einfach zu gehen. Denn in den meisten Fällen verspüren wir ja trotz unserer Reue dennoch Liebe zu unserem Kind und unserem Partner.

Würden wir nun einfach gehen, so wäre uns im ersten Moment zwar die Last der Verantwortung genommen und wir könnten uns die Zeit für uns nehmen, die wir so dringend brauchen, aber wir würden uns eine neue Last aufbürden: Die Trauer darüber, getrennt von den Personen zu sein, die wir lieben.


Das Bereuen der Mutterschaft kann so vielschichtig sein, wie die bereuende Mutter selbst. Es hat für mich aber zwei Hauptaspekte, auf die ich näher eingehen möchte:


Es sind einerseits ein ganzes Bündel von negativen Emotionen, die man als bereuende Mutter mit sich herumschleppt und die einem das Leben zur Hölle machen. Sie sorgen dafür, dass man sich falsch, unwert oder sogar "krank im Kopf" fühlt. Sie suggerieren einem, dass man versagt hat, weil man nicht das empfindet, was gesellschaftlicher Konsens ist. Weil Mutterschaft sich für einen nicht nach rosa Zuckerwatte und Einhornpups anfühlt, sondern eher nach kaltem Nieselwetter und Gefängnis.


Andererseits gibt es auch ganz reale, konkrete Faktoren, die zu einer bereuten Mutterschaft beitragen können: Der Grad, in dem man über seine eigenen Bedürfnisse hinweggeht, das soziale Netz, welches man hat - oder eben nicht. Der eigene Charakter, der es einem leichter oder schwerer machen kann, die Mutterrolle so wie sie in unserer Gesellschaft gelebt wird auszufüllen. Kurz gesagt: Der Mix aus eigenen Voraussetzungen und äußeren Rahmenbedingungen, die den Alltag als Mutter bestimmen.


Was können wir also tun?


Um den emotionalen Aspekt anzugehen hat mir vor allem eines geholfen: Zu verstehen, dass ich nicht alleine bin. Dass ich NICHT krank im Kopf bin. Dass die allermeisten Mütter mit ihrer Mutterrolle oder Aspekten davon von Zeit zu Zeit zu kämpfen haben. Dass das Mutterbild, das in unserer Gesellschaft gezeichnet wird, und der Anspruch, der an uns Mütter gestellt wird, ein Mythos ist - eine Wunschvorstellung und Lüge, die noch auf traditionellen Vorstellungen des Nationalsozialismus basiert. Schaut man sich an, wie Mutterschaft in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden gelebt wurde, wird schnell klar, dass es keineswegs immer so war, dass die Mutter sich für ihre Kinder komplett aufzuopfern hatte. Das soll nicht heißen, dass früher alles besser war und dass wir wieder zurück zu Kinderarbeit und Ammen aus dem Mittelalter sollen. Aber es soll dafür sensibilisieren, dass nicht alles, was heute als "natürlich" als evolutionär bedingt verkauft wird, auch immer so einfach ist. Mutterschaft ist vielfältig - und wir Mütter, die wir unsere Entscheidung bereuen oder mit unserer Rolle massiv zu kämpfen haben, sind ein Teil des breiten Spektrums, dass es dabei gibt. Wir sind der Gegenpol zu dem ebenfalls kleinen Teil der glückseligen Übermütter. Und dazwischen ist der große Rest. Anzuerkennen, dass diese Bandbreite existiert und dass dies keineswegs abnormal ist, war der erste große Schritt für mich mit meinem #regrettingmotherhood ins Reine zu kommen. Der erste große Stein, der mir vom Herzen fiel. Zu akzeptieren, dass wir bereuen und aufzuhören uns deshalb zu hinterfragen und schlecht zu machen, kann ein erster Schritt sein um mit #regrettingmotherhood umzugehen.


Als zweites Handlungsfeld gibt es dann noch die ganz konkreten Ursachen, die für einen zum Bereuen der Mutterschaft beitragen können. Hier gibt es nur eines was ich euch raten kann: Nehmt euch Zeit für euch und denkt nach, ob es ganz konkrete Dinge gibt, die euch so sehr belasten, dass es einen Einfluss auf euer #regrettingmotherhood hat. Auch hier gibt es leider nicht die eine Universallösung. Aber ich bin mir sicher, wenn man sich in einer stillen Minute immer mal wieder ehrlich mit sich selbst hinsetzt und sich die folgenden Fragen stellt, dann kann man ein ganz gutes Gespür dafür bekommen, wo die Hütte brennt:


  • Was sind meine Bedürfnisse, die aktuell nicht mehr erfüllt werden?

  • Wenn ich spontan einen Wunsch frei hätte, was würde ich mir jetzt am meisten wünschen?

  • Gibt es Charaktereigenschaften, mit denen ich seit ich Mutter bin tagtäglich massiv zu kämpfen habe?

  • Gibt es Themen, über die wir daheim immer und immer wieder streiten?


Mein größtes Thema ist der persönliche Freiheitsverlust, den ich seit Jahren erlebe. Seit ich Mutter bin, bin ich viel zu oft über meine persönlichen Bedürfnisse hinweggegangen. Einerseits, weil ich die Bedürfnisse meine Kindes befriedigen wollte (denn ich liebe es ja und will, dass es glücklich ist). Andererseits, weil das soziale Netz, welches ich einspannen könnte, um mal durchzuatmen und Zeit für mich zu haben, weil ich mein Baby/Kind gut versorgt wusste, recht dünn ist. Es macht einen himmelweiten Unterschied, ob man Eltern, Tanten etc. hat, bei denen das Kind regelmäßig versorgt ist und die einen auch gerne, spontan und oft unterstützen oder ob das einzige Netz aus arbeitendem und ebenfalls überfordertem Partner und eventuell noch dem Kindergarten besteht. Auch macht es einen himmelweiten Unterschied, wie dein Kind als Person ist - auch hier gibt es "einfachere" oder "pflegeintensivere" Kinder - ob charakterlich bedingt oder durch BeHinderung oder Neurodiversität. Diese Kinder sind deshalb nicht weniger wert, nicht weniger toll. Aber sie können die Eltern einfach ein wenig mehr Kraft kosten.

Wenn ich nun also herausgefunden habe, welche Faktoren ganz konkret mein individuelles #regrettingmotherhood befeuern, dann kann ich versuchen sie zu verändern. Ich werde sie nicht alle auf einmal angehen können und ich werde auch nicht unbedingt alle Rahmenbedingungen ändern können. Aber ich kann in kleinen Schritten versuchen Tag für Tag und Schritt für Schritt dafür zu sorgen, dass es mir selbst wieder besser geht. Denn nur wenn ich für mich selbst sorge, kann ich auch für andere sorgen. Klingt abgedroschen - ich weiß.


Das anzugehen ist keine Aufgabe für einen Tag. Es ist eine Reise. Es braucht dafür ehrlichen Austausch mit anderen Müttern und der eigenen Familie. Viele Gespräche, viel Mut zur Ehrlichkeit und dafür seine Bedürfnisse einzufordern und vor allem viel Akzeptanz für sich selbst. Das passiert nicht von heute auf morgen. Aber es kann gelingen, wenn man sich die Zeit nimmt, die man als Individuum dafür braucht.

Das Ziel dieser Reise muss nicht heißen: Ich bereue nicht mehr.

Es kann auch heißen: Ich bereue meine Entscheidung immer noch, aber ich bin im Reinen mit dieser Reue.






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