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  • AutorenbildEveline

"Aber beim eigenen Kind ist alles anders!"

Ich war noch nie der Typ Mensch, der beim Anblick eines Babys in verzücktes Quietschen verfiel und die Hormone Tango tanzen spürte. Oder um es gleich zu Beginn ganz direkt zu sagen: Bevor ich selbst Mutter wurde, hatte ich mich eigentlich noch nie wirklich für Kinder interessiert. Standen meine Kolleginnen im Büro bei Besuchen von frischgebackenen Müttern verzückt um den Kinderwagen herum, so gratulierte ich und warf pflichtschuldig einen Blick hinein – dann war es aber auch wieder gut. Ich fühlte einfach nichts, wenn ich diese kleinen Bündel daliegen und strampeln sah.


Keine Verzückung, keine Sehnsucht, keinen Kinderwunsch.



Größere Kinder waren für mich auch nicht wirklich interessanter, sie waren mir meist zu laut und ich wusste nicht so recht was ich mit ihnen anfangen oder was ich mit ihnen reden sollte. Lies man mich mit ihnen allein, fühlte ich mich unwohl. Ich hatte die meiste Zeit meines Lebens kaum mit Kindern zu tun gehabt - denn in meinem nahen Umfeld kamen kaum welche vor. Daher mangelte es mir an Erfahrung im Umgang mit ihnen, an echtem Wissen und an einem Bezug zu ihnen.

Daher war die längste Zeit meines Lebens der Gedanke an eigene Kinder für mich schlichtweg absurd. Zwar war in meinem Kopf, wie bei so vielen anderen, immer das Bild von einem Haus, einem Mann und zwei Kindern als Ziel meines Lebens veranker- ohne dass ich dieses Bild je bewusst dort hinterlegt hätte. Dennoch war da eben schon immer dieses großes ABER, wenn ich damals über Familie und Kinder nachdachte: In meinem Herzen konnte ich die Sehnsucht nach diesem scheinbar ach so perfekten Lebensentwurf nie so richtig fühlen.


Warum ich trotzdem Mutter wurde?


Verdammt gute Frage!

Zuallerst vor allem deshalb, weil ich seit mehrere Jahren mit dem Mann meines Lebens zusammen war. Langsam, ganz langsam hatte sich in mir eine kleines, zartes Gefühl entwickelt, das sich lautstark Gehör verschaffte: Der Wunsch, dass von unserer Liebe etwas bleibt, wenn wir eines Tages aufhören zu existieren.

Hinzu kam: Es hatten sich zum damaligen Zeitpunkt bereits Routinen gebildet und irgendwann war da der Gedanke: Da muss es doch noch mehr geben, als uns zwei. Da war plötzlich ein Gefühl der Unvollkommenheit. Etwas -nein jemand - fehlte. Nicht so überwältigend und endgültig, dass es mein Leben zerstört hätte, wenn es anders gekommen wäre aber ausreichend, um zu beschließen es mit dem Kinder kriegen zu versuchen.

Mein Kinderwunsch resultierte also nicht aus dem unmittelbaren Wunsch heraus Mutter zu sein oder ein Lebewesen zu umsorgen, sondern aus der Liebe zu meinem Mann und dem Wunsch, dass etwas von uns auch nach unserem Tod fortbesteht. Vielleicht sogar ein bisschen aus Langeweile und dem Sehnen nach neuen Erfahrungen. Ja das klingt zunächst mal weniger schön, aber genau so war es.

Aber einen nicht unerheblichen Anteil an der Entscheidung, es dann doch mit dem Kinderkriegen zu versuchen hatte eben auch dieser ganz spezielle Satz, den man als kinderloser Mensch immer und immer wieder zu hören bekommt, wenn man Zweifel daran äußert, ob das mit dem Nachwuchs so das Richtige für einen ist:


"Aber beim eigenen Kind ist alles anders!"


Letztlich war es das diesem Satz innewohnende Versprechen, das den Anstoß gab mich für ein Kind zu entscheiden:

Das Versprechen, dass einen Verhaltensweisen, die man bei anderen Kindern als nervig empfindet, beim eigenen Nachwuchs plötzlich nicht mehr stören. Dass man Dinge, die einem sonst schwerfallen, plötzlich viel leichter hinnehmen kann, weil es eben das eigene Fleisch und Blut ist, das sie einem abverlangt. Dass man plötzlich ein Interesse für Kinder, Rollenspiele und all die Dinge entwickelt, die mit eigenem Nachwuchs so einhergehen, eben weil es sich nun um das eigene Kind dreht.

Und wie so oft bei diesen hochgefährlichen Sätzen, ist auch bei diesem ein gewisses Maß an Wahrheit dabei. Natürlich ist beim eigenen Kind so einiges anders: Manche Dinge lassen sich besser aushalten, weil da eben eine Bindung ist. Andere empfindet man beim eigenen Kind als weniger schlimm, weil man sich plötzlich selbst darin zu erkennen glaubt. Manche erträgt man irgendwann auch schlicht und ergreifend beim eigenen Kind deshalb besser, weil man Tag für Tag damit konfrontiert wird und deshalb abstumpft.


Aber


und das ist das Entscheidende: Es ist eben nicht IMMER so. Längst nicht jede Verhaltensweise bewerte ich beim eigenen Kind anders als bei anderen. Viele Dinge - wie zum Beispiel Rollenspiele - machen mir einfach grundsätzlich keinen Spaß und sind einfach jedes Mal eine riesen Überwindung. Der Freiheitsverlust der ersten Jahre fühlt sich nicht plötzlich besser an, nur weil es mein eigenes Kind war, das ihn mir bescherte. Das Chaos, die Achterbahnfahrt der Emotionen und die Sprunghaftigkeit, die in mein Leben gekommen sind, (über)fordern mich jeden Tag aufs neue - und nichts an der Tatsache, dass sie durch MEIN Kind verursacht werden anstelle von fremden Kindern macht es besser.


Im Gegenteil:


Ein Besuchskind geht irgendwann wieder heim. Die Belastung, die für einen persönlich mit gewissen Verhaltensweisen oder Rahmenbedingungen (Schmutz, Lärm, Chaos) einhergeht ist nicht dauerhaft sondern zeitlich eng begrenzt und vor allem größtenteils steuerbar. Wenn es mich irgendwann stört, dass mir besuchende Kinder das Haus verwüsten, steht es mir frei zu entscheiden, ob ich sie nochmals in mein Haus lasse. Wenn mir spielende Kinder zu laut sind, dann gehe ich als kinderlose Person eben irgendwohin wo nicht so viele Kinder sind.

Wenn ich mich aber für ein Kind entscheide, dann entscheide ich mich für das ganze Paket mit. Dann sind manche Dinge unausweichlich, unvermeidbar. Sind es Dinge, die mich im Normalfall massiv gestört und in Mitleidenschaft gezogen haben, dann werden sie es auch beim eigenen Nachwuchs tun - so einfach ist das. Bin ich nicht so der verspielte Typ - dann bleibe ich das auch mit eigenem Nachwuchs.

Gewisse Dinge sind lernbar, andere verändern sich auch tatsächlich durch Erfahrung und Bindung - aber sie machen aus mir nicht plötzlich eine komplett andere Person, als die, die ich war, bevor ich Mutter wurde.


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