• Eveline

"Mamasein ist ein Naturtalent"!


Photo by guille pozzi on Unsplash


Alternativ auch: "Mama sein liegt uns Frauen einfach im Blut", "Mama sein ist etwas ganz natürliches - das findet sich alles von selbst" und " Du musst nur auf deine innere Stimme hören, du wirst ganz genau wissen, was dein Baby braucht!". Egal welche Version dieses einen Glaubenssatzes man nimmt - es wird nicht besser. Denn alle davon sind brandgefährlich in ihrer Botschaft - und an jeden einzelnen davon habe ich mal geglaubt.

Schließlich bedienen sie sich alle der gleiche Argumentation:

Natur und Biologie

Die Argumentationskette geht dann meistens irgendwie so:

"Na, irgendjemand wird sich doch dabei etwas gedacht haben, weshalb nur Frauen Kinder bekommen können!

Und weil sie so clever ist, hat die Natur es deshalb auch gleich so eingerichtet, dass man die notwendige Sonderausstattung direkt mitgeliefert bekommt - den Mutterinstinkt! Ist doch voll logisch!

Deshalb sind Frauen eben die besseren Elternteile und deshalb gehören Kinder auch zur Mutter - denn nur die weiß instinktiv was ihr Kind in dem Moment gerade braucht!"

Ihr seht wohin das führt.

Und es klingt ja auch verdammt verführerisch. Wozu sich Sorgen machen, tausend Ratgeber wälzen, wenn man sich doch darauf verlassen kann, dass man, wenn es soweit ist, dann schon wissen wird was zu tun ist? Klingt doch herrlich!

Ist aber leider nicht so.

Der vielgepriesene Mutterinstinkt ist leider keine Sonderausstattung ab Werk - er ist hart erarbeitet in vielen, verzweifelten Stunden, in denen man eben nicht weiß, was das eigene Kind möchte. In denen man sich kümmert, in denen man händeringend so lange alles mögliche ausprobiert, bis man das Problem erkannt und die richtige Lösung gefunden hat. Und das Ganze dann in unendlicher Dauerschleife so oft wiederholt, bis sich irgendwann in manchen Fällen dieser Instinkt entwickelt, der einen in einer Nanosekunde messerscharf schließen lässt was jetzt gerade wieder los ist.

Aber: Dieser Instinkt mag sich zwar entwickeln, dennoch wird er deshalb nicht IMMER verfügbar sein. Es wird immer noch Situationen geben, in denen man nicht den Hauch einer Ahnung hat, weshalb das eigene Kind gerate weint, wütet oder eben so ist wie es ist. Situationen in denen man wieder und wieder mittels Trial und Error oder später dann gezieltem Nachfragen versuchen muss herauszufinden, was gerade Sache ist. Situationen, in denen man verzweifeln möchte.

Wenn wir irgendwann am Weinen unseres Babys sofort erkennen können, ob es gerade Hunger hat oder eine volle Windel, oder bei unserem Kind ob es gerade wütend ist oder sich tatsächlich weh getan hat, dann hat das nichts mit einem ererbten Instinkt zu tun - sondern schlicht und ergreifend mit der Tatsache, dass wir dieser Situation immer und immer wieder ausgesetzt waren und unser Gehirn irgendwann einfach gelernt hat, das Weinen zu unterscheiden bzw. die innere Checkliste so schnell abhakt, dass wir es gar nicht mehr bewusst mitbekommen. Diese Fähigkeit hat viel damit zu tun, wie viel Zeit man mit einem Kind verbringt, aber rein gar nichts damit, welches biologische Geschlecht man selbst hat und ob man z.B. biologisch mit dem Kind verwandt ist.

Der Mutterinstinkt ist eine Erfindung

und zwar eine relativ neue.

Er resultiert aus dem zunehmend idealisierten Bild von Mutterschaft, das im 19. und 20. Jahrhundert entstand. Gerade in Deutschland wurde das Bild von Mutterschaft zudem durch den Nationalsozialismus massiv geprägt und wirkt heute noch massiv nach.

Im Nationalsozialismus wurde die Mutter als mystisches, verehrungswürdiges Wesen gelobt: “Eine Mutter aber ist eine vollkommene, vollendete Frau.” heißt es da. Die Beziehung mit ihrem Kind wurde als die ursprünglich tiefste Beziehung der Frau zum Leben gesehen:” Das Muttersein bringe ihr ein “(...) unfaßbares Verbundensein mit Gott als der schöpferischen Kraft alles Lebendigen (...).” Der “gesunde Mutterinstinkt” der Frau sorgt nach Auffasung der Nationalsozialisten dafür, dass sie die mit der Mutterschaft verbundenen Aufgaben gegenüber ihrem Kind instinktiv erfüllt.

So weit so gruselig.

Studien wiederum zeigen heute, dass der "Mutterinstinkt", der sich durch einem Anstieg von Oxytocin (dem Bindungshormon) zeigt, genauso gut bei Vätern oder sogar Großeltern stattfinden - wenn diese nur genug Zeit mit dem Kind verbringen (und somit eine Bindung aufbauen).

Wer dazu weiterlesen will:

National Geographik: Haben nur Mütter einen Mutterinstinkt?

Wenn wir uns also das nächste mal fragen, wo er denn ist, der berühmt berüchtigte Mutterinstinkt, dann können wir ganz entspannt sein: Er ist dort, wo er hingehört:

Im Reich der Mythen und Sagen!



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