• Eveline

Meine Reue im Wandel der Zeit (4)

Aktualisiert: 3. Juni

Heute


Und heute?

Heute schwanke ich mit meinem Reuegefühl zwischen zwei extremen Polen. Heute bin ich zerrissen - zwischen dem was als Summe unter meiner rationalen positiv/negativ Liste steht und dem was ich fühle.


An den guten Tagen scheint meine Reue lediglich eine leise verblassende Erinnerung an vergangene schwere Zeiten zu sein. Einer Narbe gleich, die zwar noch manches Mal ein wenig schmerzt, doch die meiste Zeit lediglich als Erinnerung an die Wunde dient, die die Geburt meines Kindes in mich geschlagen hat.

An den schwierigen Tagen jedoch, da holt sie mich mit aller Macht wieder ein. Brennt und ätzt sich durch mein Herz und reißt mich hinab in die dunkelsten Sümpfe der Verzweiflung.


Je mehr Zeit vergeht, desto seltener werden die rabenschwarzen, die schweren Tage an denen mich die Verzweiflung übermannt. An denen ich mit allem an dieser Rolle hadere und das Gefühl habe mich selbst darin zu verlieren.

Die meiste Zeit schwanke ich mittlerweile irgendwo mittendrin zwischen den Extremen. Nicht so ganz glücklich, mir der Schwere meiner Aufgabe bewusst und die Bürde spürend - aber eben auch nicht mehr so verzweifelt wie einst. Denn da gibt es genug Positives, dass die Last mindert, ein Gegengewicht bildet.


Und an manchen, seltenen glücklichen Tagen, da bin ich mit mir im Reinen. Da spüre ich es, das reine, unbeschwerte Glück. Dann denke ich mir, dass es in Summe doch die richtige Entscheidung gewesen sein wird. Dass es sich einen fernen Tages im Rückblick betrachtet richtig anfühlen wird Mutter geworden zu sein.


Das erste Mal in fünf Jahren ist da so etwas wie Entspannung. Das erste Mal fühlt sich nicht jeder einzelne Tag wie ein nie enden wollender Kampf an.

Immer noch gibt es mörderisch anstrengende Tage, die ich versuche irgendwie zu überstehen ohne völlig auszurasten oder zugrunde zu gehen. Doch sie werden seltener.


Die Erinnerung verblasst, das Gestern verschwimmt. Das Heute wird zur neuen Normalität. So langsam kann ich gar nicht mehr sagen, wie es früher einmal war. Mir fehlt schlicht der Vergleich, ist die Gegenwart doch allgegenwärtig. Fühlt es sich doch plötzlich so an, als sei mein Leben schon immer so gewesen.

Ich höre tief in mich hinein - und stelle verwundert fest, dass da kein wilder negativer Gefühlsstrudel mehr ist. Eher ein ruhig dahin strömender Fluss. Ich habe die Konsequenzen meiner damaligen Entscheidung akzeptiert und mache das Beste draus - auch wenn mir vieles daran immer noch nicht gefällt. Ich bin angekommen in meinem neuen Alltag.


Viel hat damit zu tun, dass ich wieder etwas Luft zum Atmen habe.

Die positiven Momente und kostbaren Augenblicke häufen sich.

Verlorene Freiheiten kehren langsam zurück, die Intensität und Häufigkeit der negativen Gefühle nehmen ab. Ich fühle die Last meiner Entscheidung nicht mehr so schwer - und dennoch bin ich NOCH an dem Punkt an dem ich sage: Rückblickend betrachtet würde ich es wohl nicht mehr so machen. Aber ich bin eben AUCH an dem Punkt an dem ich denke: Was hätte ich nur verpasst, hätte ich diesen kleinen Mensch niemals kennengelernt!


Ich weiß nicht, wie meine Gefühle in fünf oder zehn Jahren aussehen werden. Momentan scheint es so, als würde die Zeit die Waagschale zum Positiven neigen. Als würden die Positiven Tage zunehmen und die negativen Tage weniger werden. Sicher sein kann ich mir nicht - doch da ist Hoffnung. Hoffnung darauf einen Weg gefunden zu haben mich in dieser Rolle wohlzufühlen und gleichzeitig meinem Kind das geben zu können, was es braucht. Hoffnung darauf, dass ich am Ende versöhnt sein werde mit meiner Entscheidung diese Rolle anzunehmen.


Ich spüre zur Zeit wie sich die Balance zu verschieben beginnt und frage mich was das für meine heute empfundene Reue bedeutet: Ist sie dadurch weniger WERT? War es weniger SCHLIMM sie zu fühlen?

Wird ihr dadurch, dass sie nun nachlässt, nachträglich irgendwie ihre Berechtigung entzogen?


Ich finde nicht.

Denn Reue ist immer eine Rückwärtsbetrachtung und kein endgültiges Urteil. Sie kann sich verändern, sogar verschwinden - weil das Leben stetige Veränderung ist. Dadurch ist sie nicht weniger valide. Egal wie ich es in Zukunft sehen werde, es ändert nichts an dem wie ich gefühlt habe. Es ändert nichts an dem Empfinden, als ich sie gefühlt habe.


Ja sicher:

Man kann darüber streiten, ob die Gefühle die ich fühle strenggefasst noch unter den Begriff #regrettingmotherhood fallen. Ich will niemand einen Platz wegnehmen. Ich will die Schwere dieses Begriffs auch nicht verwässern. Es GIBT einen Unterschied ob ich solche Reuegefühle dauerhaft fühle oder nur ab und an. Ob sie mehrheitlich den äußeren Umständen oder den der Mutterrolle inne liegenden Aufgaben entspringen.

Doch wo ist die Grenze? Gibt es da überhaupt eine klar definierte?

Die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht.


Es gibt die Definition einer wissenschaftlichen Arbeit, die den Begriff geprägt hat. Und es gibt mich, die sich lange zu hundert Prozent damit identifiziert hat - eben weil es sich damals so anfühlte als würde es sich nie ändern und als wäre alles daran nur anstrengend und schlecht.

Heute fühle ich etwas anders. Mein Kind ist älter - und es gibt Dinge, die ich durchaus gerne mit ihr mache. Es gibt Dinge, für die ich dankbar bin. Dinge, die mein Leben besser machen, als es ohne Kind gewesen wäre. Das ändert aber nichts daran, dass ich die ersten vier Jahre als Mutter eben anders gefühlt habe. Aber ich verstehe auch, dass meine heutigen Gefühle nun nicht mehr so recht zu der streng gefassten Definition aus der Studie von Orna Dornath passen.


Die Konsequenz für mich? Ich werde den Begriff #regrettingmotherhood nicht mehr nutzen, wenn ich über meine Gefühle spreche. Denn einerseits möchte niemand Platz wegnehmen. Andererseits - wenn ich ganz ehrlich bin - habe ich auch schlicht auf die Begriffsdiskussion so gar keine Lust. Die Frage wie eng gefasst die Definition für #regrettingmotherhood sein muss kann ich nicht klären. Ich bin keine Wissenschaftlerin, ich habe den Begriff nicht geprägt und es obliegt mir nicht darüber zu urteilen ob die Definition so wie sie in dem Buch steht vollständig ist oder auch nicht -und will es auch gar nicht.


Ich will viel mehr, dass wir irgendwann an einen Punkt kommen, dass es gar nicht mehr relevant ist über solche Definitionen "streiten" zu müssen. Aus dem simplen Grund, dass ALLE Gefühle zur Mutterschaft akzeptiert sind. Denn wo kein Tabu mehr ist, muss auch nicht mehr abgewogen werden, wer das Recht hat sich mit welchem Begriff zu bezeichnen. Begriffe sind dann einfach irrelevant - und wir akzeptieren endlich, dass wir alle unterschiedlich sind.



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